Brouhaha 22 – Pampers mal nicht ganz windelweich

Der Brouhaha

März 2010 in USA: Procter & Gamble verkauft in einer Stunde 1.000 Packungen Pampers über Facebook-Seite und startet damit erfolgreich in einen Produkt-Relaunch der Windel Pampers Cruiser, jetzt mit Dry-Max-Technologie. Die Freude währt nicht lang, denn nach kurzer Zeit formiert sich Wiederstand gegen das Produkt, ebenfalls über Facebook. Konsumenten beschweren sich über vermehrt auftretende Hautreizungen bei ihren Babys und führen das auf die neue Windeltechnologie zurück. Pampers hält mit einer Pressemeldung dagegen, und somit findet sich das Thema schliesslich in einigen Massenmedien wieder.

Der Verlauf

1. März 2010

Pampers (Procter & Gamble) verkauft auf der Facebook-Seite mit 200.000 Fans binnen einer Stunde 1.000 Probepackungen von „Pampers Cruiser“ . Hierfür wurde eine eigene eCommerce-App auf einem „Shop Now“-Tab eingebaut.

6. Mai 2010

Pressemitteilung „Pampers Calls Rumors Completely False“ – P&G streitet Vorwürfe ab

8. Mai 2010

„Feds Investigate Pampers DryMax Diaper Rash Claims“ (nbc local conneticut)

10. Mai 2010

Artikel in AdAge „How Pampers Battled Diaper Debacle“

19. Mai 2010

Bericht in der Morgenpost – „Windelalarm: Pampers führt offenen Krieg gegen Blogger“

1. Juni 2010

Blog-Beitrag „Windelweiche Kommunikationsstrategie bei Pampers?“ bei PR-Blogger

22. Juni 2010

Gabriele Haessig, Pressesprecherin bei Procter & Gamble Deutschland im Interview auf dem PR-Blogger

Das Momentum

Konsumenten beschweren sich auf Facebook-Seiten über „Hautreizungen“, die vermeintlich durch die neue Technologie ausgelöst werden. Unbefriedigende Reaktionen von Pampers wird moniert.

Die Relevanz

Fraglich, denn auf der sachlichen Ebene scheinen die Vorwürfe strittig. Massenmedien beziehen sich eher auf den Umgang mit Bloggern seitens Pampers und adressieren emotionale Ebene.

Die Take-Aways

  • Bemerkenswert: Recht „harsches“ Statement seitens Pampers in einer offiziellen Pressemitteilung.
  • Kein „kommunikatives Ventil“ für Konsumenten sichtbar bzw. wurde kein dezidierter Beschwerdekanal definiert.

Weitere Quellen

Brouhaha 21 – Trigema und die idiotischen Blogger

…oder wie uns Trigema-Chef Wolfgang Grupp den Michael O’Leary macht. Der hatte damals ja auch sein gespaltenes Verhältnis zu Social-Media gestanden, und damit einen kleinen Brouhaha ausgelöst.

Nun trifft es also scheinbar einen der Unternehmerpersönlichkeiten Deutschlands: Wolfgang Grupp.

Nach der Brouhaha-Analyse werden wir in dieser Episode noch kurz analysieren, welche Rolle Social-Media beim aktuellen Rücktritt von Bundespräsident Köhler gespielt haben könnte…

Nun aber zuerst zum Trigema-Brouhaha:

Der Brouhaha

Mai 2010 in Deutschland: Trigema-Chef Wolfgang Grupp ist bekannt und beliebt für seine knackigen Thesen und markigen Aussagen. In einen Interview für einen Business-Blog macht er sich in gewohnter Manier Luft und bringt mit folgendem Zitat halb Twitterhausen gegen sich auf: „Twitter ist für mich einfach nur dumm und die Menschen, die das nutzen, sind für mich Idioten.“

Der Verlauf

Dienstag, 04.05.2010, 15.44 Uhr

Elita Wiegand veröffentlicht die Zusammenfassung eines Interviews mit Trigema-Chef Wolfgang Grupp.

Mittwoch, 05.05.2010, 19.00 Uhr

Mr. CHIMP, der Affe von Trigema reagiert über Twitter

Mittwoch, 05.05.2010, 18.58 Uhr

Trigema reagiert auf Facebook: „Wir prüfen ob das Interview richtig wiedergegeben wurde“

Donnerstag 06.05.2010 17.34 Uhr

Wolfgang Grupp reagiert mit einem offenen Brief auf Facebook

Das Statement wurde auch auf innovativ.in zitiert und erreichte hier 53 Retweets und 56 Kommentare

Freitag, 07.05.2010 Gegen 14.00 Uhr

dpa-Ticker: Meldung über den „Brouhaha“, „Trigema-Chef bringt Twitter-Nutzer auf die Palme“

60 News-Portale greifen die Meldung auf und bringen sie nahezu unbearbeitet

Montag, 10.05.2010, 19.00 Uhr

Sondersendung auf cliq.fm

Die Relevanz

o 101 Meldungen auf Newsportalen, unter anderem verursacht durch die dpa-Meldung

o Der ursprüngliche Artikel vom 04.05. hatte 737 Retweets bis 09.05., und 759 bis 27.05.2010

Die Take-Aways

Kein wirklicher Brouhaha, geringe Relevanz, aber gute Reaktion

Weitere Quellen

Alle Links zu diesem Fall auf Delicious

Brouhaha 20 – Ralf Bohle bzw. Schwalbe vs. Toms Bike Corner

… oder warum eine Schwalbe noch keinen Abmahn-Sommer macht…

Der Abmahnfrühling blüht, im Gegensatz zur Großwetterlage. Ende April 2010 flatterten scheinbar mehreren Online-Shops Abmahnungen von den Anwälten der Ralf Bohle GmbH ins Haus. Es würden widerrechtlich Bilder von Schwalbe-Produkten im Online-Shop verwendet… Einer der Shop-Betreiber macht durch einen Eintrag auf seiner Webseite mobil und löst in der Szene Entrüstung aus.

Der Brouhaha

Ende April 2010 in Deutschland: Der Online-Shop Toms Bike Corner aus Rosenheim erhält eine Abmahnung von den Anwälten der Ralf Bohle GmbH. Die Ralf Bohle GmbH vertreibt Fahrradschläuche der Marke Schwalbe und sieht ihre Urheberrechte durch die Verwendung der eigenen Produktfotos in dem Online-Shop von Toms Bike Corner verletzt. Toms Bike Corner dokumentiert den Fall auf der eigenen Website ausführlich und lässt damit kurzzeitig ziemlich viel Druck aus den hochwertigen Fahrradschläuchen.

Der Verlauf
(Alle Zeitangaben in CET)

Freitag, 30.04.2010

  • Abmahnung an TomsBikeCorner

Freitag, 30.04.2010, 21.42 Uhr

  • „Schwalbe ruiniert seine Händler“ auf Rad-Forum

Mittwoch, 05.05.2010, morgens

Mittwoch, 05.05.2010, 20.22 Uhr

Donnerstag, 06.05.2010, 19.30 Uhr

Das Momentum

Toms Bike Corner veröffentlicht Artikel auf der Website: 5 Tage nach Erhalt der Mahnung und nach den ersten Foren-Diskussionen.

Die Relevanz

Innerhalb der „Szene“ sicherlich spürbar. Eine negative Wirkung auf die Marke aber eher gering, da der Buzz die Massenmedien nicht wirklich erreicht hat.

Buzz (bis zum 21.05.2010): 1.762

Die Take-Aways

  • Ralf Bohle GmbH hätte 5 Tage Zeit gehabt um zu reagieren
  • Diskussionen in den Foren bewegen sich überwiegend auf der Produktebene
  • Interessante Aufbereitung des Falls auf der Website von TomsBikeCorner (Social Media Release)
  • Diskussion Werbekostenzuschüsse vs. Urheberrecht
  • Gefahr: Bezieht sich die Unterlassungserklärung auch auf gecachte Seiten? Siehe JAKO
  • Unterschrift der Unterlassungserklärung könnte mündliche Nebenabreden nichtig machen

Weitere Quellen

Alle Links zu diesem Fall auf Delicious

http://delicious.com/podpimp/brouhaha+schwalbe

Brouhaha 19 – Paperchase vs. Eloise – Wie eine Pose zur Posse wurde…

…oder: „Wie uns Paperchase den Jamba macht…“

…oder: „Wenn’s in der Supply-Chain kräftig rasselt, und sich der Mitarbeiter schwer verquasselt“

Wie auch immer: Letzlich geht es hier um einen interessanten, fast schon gelernten Kampf „David gegen Goliath“. Dieser wird – wie so oft – online ausgefochten und abstrahiert – wie so oft – von der juristisch festgestellten Rechtmäßigkeit des betreffenden Vorwurfs. Es hätte auch gut gehen können. Stattdessen entwickelte es sich zu einem Fallbeispiel, wie kommunikatives Fehlverhalten trotz vermeintlicher Unschuld einen Arbeitsplatz kosten kann:

Management Summary:

  • Eine freie Designerin „Hidden Eloise“ unterstellt dem Einzelhändler Paperchase eine zweifelhafte Urheberrechtsverletzung
  • Sie löst damit ein Twitter Meme aus, welches es in die Massenmedien schafft
  • Hier stellt sich die Unschuld von Paperchase heraus
  • Der unglückliche Verlauf der Dinge kostet dennoch einen Mitarbeiter bei Paperchase den Arbeitsplatz.

Der Brouhaha

Ende 2009 in England: Die Designerin Hidden Eloise entdeckt eine von ihr entworfene Figur auf bedruckten Taschen und Notizbüchern der Einzelhandelskette Paperchase. Paperchase ignoriert die Aufforderung, die Produkte wegen möglicher Urheberrechtsverletzung vom Markt zu nehmen. Mitte Februar schafft es die Geschichte durch einen einzigen Tweet in die größten Online-Medien Englands. Und das verführt Paperchase letztendlich dazu, DEN klassischen Fehler in Social Media zu begehen…

Der Verlauf
(Hinweis: UTC = Coordinated Universal Time = GMT+1)

November 2009 Designerin Hidden Eloise bemerkt, dass eine von ihr entworfene Figur in Motiven auf Notizbüchern und Taschen der Kaufhauskette Paperchase zu sehen ist. Sie vermutet eine Urheberrechtsverletzung und kontaktiert Paperchase.

Mittwoch, 10.02.2010 (09:00 p.m. UTC)

Donnerstag 11.02.2010 (10:41 a.m. UTC)

„Fascinating Paperchase plagiarism over at http://bit.ly/cdrzKZ . Bad Paperchase.“

Donnerstag, 11.02.2010 (ca. 01:00 p.m. UTC)

Donnerstag, 11.02.2010 Nachmittags

  • Die Geschichte wird Twitter Trend in England, bald darauf Twitter Trend Global.
  • Erste Boykottaufrufe erscheinen.
  • Leute diskutieren inzwischen auf der Amazon-Produktseite, die inzwischen offline ist.

Donnerstag, 11.02.2010 Abends

Online-Massenmedien in England greifen die Geschichte auf:

Freitag, 12.02.2010

  • Die Design-Company GatherNoMoss meldet sich bei Eloise und tritt mit ihr „in Verhandlung“. Sie hatte das Design an Paperchase verkauft, verleugnet jedoch den Designklau und schiebt es auf eine freie Designerin, von der sie wiederum das Design gekauft hatten. Sie verbieten Eloise die Verwendung von Zitaten aus der Kommunikation und die Verwendung des umstrittenen Designs auf ihrem Blog.
  • Am gleichen Tag meldet sich die freiberufliche Designerin, welche die umstrittene Grafik für Gather No Moss / Paperchase erstellt hat. Sie bestreitet den Imitationsvorwurf zunächst, gibt aber auf Druck durch Eloise dann doch eine Ähnlichkeit zu. Sie wollte ursprünglich nur die Pose der Figur für ihre neue Grafik benutzen. Sie entschuldigt sich bei Eloise.

Montag, 15.02.2010

  • Immer noch keine Reaktion von Paperchase.
  • In PR-Blogs entwickelt sich eine Diskussion darüber, ob sich ein solches PR-Desaster durch Insourcing und Verkürzung der Supply-Chain verhindern lässt. Schlechte Nachrichten für freie Designer.
  • Eloise appelliert erneut an Paperchase mit 4 Vorschlägen zur Wiedergutmachung:
    Entschuldigung,
    Klarstellung,
    Gegendarstellung und
    Weiterverkauf der Ware und spende des Gewinns an eine wohltätige Institution.
  • Gather No Moss bietet Eloise per Mail 500 Dollar zur Wiedergutmachung an, sie wollen einen Scheck schicken.

Dienstag, 16.02.2010 (03:01 p.m. UTC)

  • Paperchase kündigt via kurzfristig eingerichteten Twitter-Account Stellungnahmen von Gather No Moss auf der Paperchase-Homepage an.
  • Die Stellungnahme ist leider nicht mehr erreichbar, aber mit Datum 20.02.2010 noch im Google Cache zu finden.
  • In der Stellungnahme beschreibt Paperchase Chief Executive Timothy Melgund, dass Paperchase Ende 2008 die Grafiken von der Design Agentur Gather No Moss gekauft, und Gather No Moss diese wiederum von der freien Grafikerin Kitty Mason bezogen hat.
  • T. Melgund gibt zu, dass Paperchase den Sachverhalt Ende 2009 hätte besser prüfen sollen. Auch wäre es besser gewesen, die Artikel bis zur Klärung des Sachverhalts vorläufig aus dem Verkauf zu nehmen.
  • Mit Hidden Eloise hätte man allerdings am 02. Dezember 2009 in der Sache Kontakt aufgenommen, leider ohne Rückmeldung.
  • Paperchase fühlt sich nach wie vor nicht im Unrecht, gibt aber zu dass man an einigen Stellen besonnener hätte reagieren sollen.

Bemerkenswert ist, dass die Statements von Paperchase, Gather No Moss und Kitty Mason inzwischen nicht mehr auf der Website von Paperchase zu finden sind. Das würde auch im Nachhinein einiges klären.

Samstag, 20.02.2010

  • Eloise bekommt von Gather No Moss per Post einen Scheck in Höhe von 350 Pfund. Sie schreibt im Blog: Frechheit!
    Erstens zu wenig,
    zweitens will sie kein Geld und
    drittens ist es eine rechtliche Falle, denn bei Annahme des Schecks würde ihr alle rechtlichen Ansprüche entfallen.

Mittwoch, 24.02.2010

Das Momentum

  • Blogger mit hoher Anzahl Follower greift Geschichte auf
  • Ein Twitter Meme / eine Twitter Kampagne entsteht
  • Erst das wird für relevante Massenmedien interessant genug.

Die Relevanz

  • Klassiker Twitter Meme -> Massenmedien
  • Es war kurz vor Valentines-Day -> Sichtbarkeit von Paperchase im Netz bedrohlich
  • Auf der Paperchase-Wikipedia-Seite findet sich inzwischen ein Beitrag zu dem Thema.

Die Take-Aways

  1. Klassischer Fall David gegen Goliath
  2. Obwohl der Plagiatsvorwurf zweifelhaft ist bekommt der Vorfall Momentum in Social Media
  3. Der Fall motiviert nicht gerade User Generated Schnick-Schnack einzubinden und ist eine Warnung für alle Kampagnen, die damit agieren
  4. Eloise ist nun selber unter Beschuss geraten, es gibt Plagiatsvorwurfe wegen ihrer Figur und der von ihr gelebten Anonymität
  5. Paperchase hat es verpasst, dem Thema durch direkte Kontaktaufnahme Wind aus den Segeln zu nehmen
  6. Der kurzfristig eingerichtete Twitter-Account http://twitter.com/FromPaperchase von Paperchase wurde zu spät eingerichtet, hat nur 64 Follower und 3 Tweets, die auch nur auf die Stellungnahme von Paperchase hinweisen. Er wurde nirgends erwähnt.
  7. Ein eigener Twitter-Account von Paperchase hätte sicherlich geholfen, war aber nicht zwingend notwendig. Die Tatsache, dass jemand den Twitter-Fake-Account @paperchaseuk mit einem interessanten Ziel betreibt (In contact with Paperchase, attempting to encourage a Twitter presence and response), aber nur 64 Follower hat, könnte ein Hinweis auf die geringe Relevanz sein.

UPDATE:

Ein Chef von Paperchase meldet sich bei Eloise. Der kommentierende Mitarbeiter wurde ausfindig gemacht und gefeuert.

Brouhaha 18 – Greenpeace, Nestlé, KitKat, das Palmöl und die Orang Utans

Der Brouhaha

März 2010 in Deutschland: Greenpeace weißt mit einem Schockvideo auf die Missstände bei der Herstellung von Palmöl hin. Für die benötigten Plantagen werden Lebensräume von Orang-Utans zerstört. Das Video attakiert deswegen einen Palmöl-Verarbeiter: Es persifliert einen KitKat-Werbespot aus dem Hause Nestlé. Der Schweizer Konzern lässt das Video von der Plattform löschen und gibt damit der Greenpeace-Kampagne ersten Zucker. In Social Media mehren sich Boykottaufrufe, und als sich Nestlé auf den Facebook-Seiten auch noch benimmt wie ein Elephant im Porzellanladen ist es endgültig vorbei mit der tropischen Ruhe und die Menge tobt sich bis in die Massenmedien.

Links zu diesem Brouhaha vorab hier gesammelt

Der Verlauf

17.03.2010 Greenpeace stellt video online

Nestle lässt Video weg. Urheberrechtsverletzung löschen

17.03.2010 Statement auf der Nestle Seite

17.03.2010 Off-the-record bloggt

18.03.2010 Beitrag im Horizont Blog

Nestlé schaltet KitKat Seite ab

Nestlé bekommt Gegenwind auf der Facebook Seite wegen Löschungen von Kommentaren mit verfälschten Nestle Logos

19.03.10 Nestlé kündigt laut Guardian Überarbeitung der Palmöl Bezugskette an

21.03.10 Mirco Lange von Talkabout setzt sich kritisch mit dem Brouhaha auseinander

22.03.10: Horizont Artikel geht auf PR-Desaster ein

23.03.10 Greenpace bezieht auf dem eigenen Blog Stellung

23.02.10 Schlagabtausch zwischen Mirco talkabout Lange und Wolfgang Luebue Lünenbürger-Reidenbach

24.03.10 Der Verlauf des Brouhaha in einer Zusammenfassung bei greenpeace

Shitstorm a’la Jamba: Paperchase vs. Eloise – Wie eine Pose zur Posse wurde…

<Aktualisiert, siehe 16.02.2010>

…oder: „Wie uns Paperchase den Jamba macht…“

…oder: „Wenn’s in der Supply-Chain kräftig rasselt, und sich der Mitarbeiter schwer verquasselt“

Wie auch immer: Letzlich geht es hier um einen interessanten, fast schon gelernten Kampf „David gegen Goliath“. Dieser wird – wie so oft – online ausgefochten und abstrahiert – wie so oft – von der juristisch festgestellten Rechtmäßigkeit des betreffenden Vorwurfs. Es hätte auch gut gehen können. Stattdessen entwickelte es sich zu einem Fallbeispiel, wie kommunikatives Fehlverhalten trotz vermeintlicher Unschuld einen Arbeitsplatz kosten kann:

Management Summary:

  • Eine freie Designerin „Hidden Eloise“ unterstellt dem Einzelhändler Paperchase eine zweifelhafte Urheberrechtsverletzung
  • Sie löst damit ein Twitter Meme aus, welches es in die Massenmedien schafft
  • Hier stellt sich die Unschuld von Paperchase heraus
  • Der unglückliche Verlauf der Dinge kostet dennoch einen Mitarbeiter bei Paperchase den Arbeitsplatz.

Der Brouhaha

Ende 2009 in England: Die Designerin Hidden Eloise entdeckt eine von ihr entworfene Figur auf bedruckten Taschen und Notizbüchern der Einzelhandelskette Paperchase. Paperchase ignoriert die Aufforderung, die Produkte wegen möglicher Urheberrechtsverletzung vom Markt zu nehmen. Mitte Februar schafft es die Geschichte durch einen einzigen Tweet in die größten Online-Medien Englands. Und das verführt Paperchase letztendlich dazu, DEN klassischen Fehler in Social Media zu begehen…

Der Verlauf
(Hinweis: UTC = Coordinated Universal Time = GMT+1)

November 2009 Designerin Hidden Eloise bemerkt, dass eine von ihr entworfene Figur in Motiven auf Notizbüchern und Taschen der Kaufhauskette Paperchase zu sehen ist. Sie vermutet eine Urheberrechtsverletzung und kontaktiert Paperchase.

Mittwoch, 10.02.2010 (09:00 p.m. UTC)

Donnerstag 11.02.2010 (10:41 a.m. UTC)

„Fascinating Paperchase plagiarism over at http://bit.ly/cdrzKZ . Bad Paperchase.“

Donnerstag, 11.02.2010 (ca. 01:00 p.m. UTC)

Donnerstag, 11.02.2010 Nachmittags

  • Die Geschichte wird Twitter Trend in England, bald darauf Twitter Trend Global.
  • Erste Boykottaufrufe erscheinen.
  • Leute diskutieren inzwischen auf der Amazon-Produktseite, die inzwischen offline ist.

Donnerstag, 11.02.2010 Abends

Online-Massenmedien in England greifen die Geschichte auf:

Freitag, 12.02.2010

  • Die Design-Company GatherNoMoss meldet sich bei Eloise und tritt mit ihr „in Verhandlung“. Sie hatte das Design an Paperchase verkauft, verleugnet jedoch den Designklau und schiebt es auf eine freie Designerin, von der sie wiederum das Design gekauft hatten. Sie verbieten Eloise die Verwendung von Zitaten aus der Kommunikation und die Verwendung des umstrittenen Designs auf ihrem Blog.
  • Am gleichen Tag meldet sich die freiberufliche Designerin, welche die umstrittene Grafik für Gather No Moss / Paperchase erstellt hat. Sie bestreitet den Imitationsvorwurf zunächst, gibt aber auf Druck durch Eloise dann doch eine Ähnlichkeit zu. Sie wollte ursprünglich nur die Pose der Figur für ihre neue Grafik benutzen. Sie entschuldigt sich bei Eloise.

Montag, 15.02.2010

  • Immer noch keine Reaktion von Paperchase.
  • In PR-Blogs entwickelt sich eine Diskussion darüber, ob sich ein solches PR-Desaster durch Insourcing und Verkürzung der Supply-Chain verhindern lässt. Schlechte Nachrichten für freie Designer.
  • Eloise appelliert erneut an Paperchase mit 4 Vorschlägen zur Wiedergutmachung:
    Entschuldigung,
    Klarstellung,
    Gegendarstellung und
    Weiterverkauf der Ware und spende des Gewinns an eine wohltätige Institution.
  • Gather No Moss bietet Eloise per Mail 500 Dollar zur Wiedergutmachung an, sie wollen einen Scheck schicken.

<Ergänzt>

Dienstag, 16.02.2010 (03:01 p.m. UTC)

  • Paperchase kündigt via kurzfristig eingerichteten Twitter-Account Stellungnahmen von Gather No Moss auf der Paperchase-Homepage an.
  • Die Stellungnahme ist leider nicht mehr erreichbar, aber mit Datum 20.02.2010 noch im Google Cache zu finden.
  • In der Stellungnahme beschreibt Paperchase Chief Executive Timothy Melgund, dass Paperchase Ende 2008 die Grafiken von der Design Agentur Gather No Moss gekauft, und Gather No Moss diese wiederum von der freien Grafikerin Kitty Mason bezogen hat.
  • T. Melgund gibt zu, dass Paperchase den Sachverhalt Ende 2009 hätte besser prüfen sollen. Auch wäre es besser gewesen, die Artikel bis zur Klärung des Sachverhalts vorläufig aus dem Verkauf zu nehmen.
  • Mit Hidden Eloise hätte man allerdings am 02. Dezember 2009 in der Sache Kontakt aufgenommen, leider ohne Rückmeldung.
  • Paperchase fühlt sich nach wie vor nicht im Unrecht, gibt aber zu dass man an einigen Stellen besonnener hätte reagieren sollen.

Bemerkenswert ist, dass die Statements von Paperchase, Gather No Moss und Kitty Mason inzwischen nicht mehr auf der Website von Paperchase zu finden sind. Das würde auch im Nachhinein einiges klären.

</Ergänzt>

Samstag, 20.02.2010

  • Eloise bekommt von Gather No Moss per Post einen Scheck in Höhe von 350 Pfund. Sie schreibt im Blog: Frechheit!
    Erstens zu wenig,
    zweitens will sie kein Geld und
    drittens ist es eine rechtliche Falle, denn bei Annahme des Schecks würde ihr alle rechtlichen Ansprüche entfallen.

Mittwoch, 24.02.2010

UPDATE:

Ein Chef von Paperchase meldet sich bei Eloise. Der kommentierende Mitarbeiter wurde ausfindig gemacht und gefeuert.

Der ganze Fall wird demnächst bei uns im Brouhaha-Podcast besprochen

Brouhaha 17 – augsburgr.de und die Folgen

Brouhaha

November 2009 in Bayern – Der Augsburger Blogger Michael Fleischmann plant ein Weblog mit regionalen Informationen rund um Augsburg. Hierfür registriert er zunächst die Domain augsburgr.de, informiert aber umgehend die Stadt Augsburg und fragt an, ob dem Projekt etwas entgegenstünde. Die Antwort erhält er prompt – in Form einer Abmahnung zusammen mit einer Kostennote in Höhe von knapp 1.900 Euro.

Obwohl Oberbürgermeister Kurt Gribl die Abmahnung wegen des Echos in den Medien zurückzieht, sieht er sich seit dem Vorfall wiederholten „Verunglimpfungen“ ausgesetzt. Auf dem Microblogging-Dienst Twitter tauchen immer wieder zwitschernde Kurt Gribls auf, die aber mit dem Augschburger OB ungefähr soviel zu tun haben wie Twitter mit der alten Postkutsche.

Momentum, Reaktion und Relevanz diskutiert „Podpimp“ Alex Wunschel diesmal mit Gastmoderator „Argusauge“ Thomas Hillebrand:

Quellen

Brouhaha 16 – Süddeutsche Zeitung und das gekaufte Lob für die iPhone-App

Brouhaha
Januar 2010 in München: Die Marketing-Abteilung der Süddeutschen Zeitung wagt sich zur Bewerbung der neuen iPhone-App auf das dünne Eis Social-Media. Sie lässt Blogger durch die schweizer Spezial-Agentur Trigami für positive Blogbeiträge zum iPhone-App bezahlen. Einige Blogger erliegen dem Reiz des schnöden Mammon und schreiben wohlwollende und lobende Beiträge . Ein Blogger stellt das Anliegen der SZ aber öffentlich an den Pranger, und unter einer kollektiven Entrüstung bricht die Süddeutsche Zeitung mit Wucht durchs Social-Media-Eis.
Momentum
18. Jan 2010: Blogbeitrag von Jan Tißler in Upload-Magazin für digitales Publizieren
„Peinlich, peinlich: „Süddeutsche Zeitung“ kauft sich lobende Blogposts“
http://upload-magazin.de/blog/4943-sueddeutsche-iphone-app-trigami/#more-4943
Reaktion
Upload-Beitrag: über 50 Trackbacks, inzwischen 133 Kommentare
Artikel am 19.01.10 um 17.50 Uhr auf Süddeutsche.de „Missgkücktes Marketing – Viral, letal“ http://www.sueddeutsche.de/computer/412/500676/text/
Artikel „Falsches Lob“ in der Süddeutschen Zeitung vom 20.01. im Bereich „Medien“ von Marc Felix Serrao
Remo Uherek, Geschäftsführer von Trigami, gibt zu, seine Firma habe „großen Mist gebaut“, die interne Qualitätskontrolle habe versagt
Relevanz
Artikel im Stern „Lob auf Bestellung“ http://www.stern.de/digital/online/gekaufte-produktbewertungen-im-internet-lob-auf-bestellung-1536718.html
Artikel auf meedia: Jubel-Blogger-Aktion ein „Missverständnis“ http://meedia.de/nc/details-topstory/article/jubel-blogger-aktion-ein-missverst-ndnis_100025728.html
Artikel in Meedia SZ stolpert über eingekaufte Jubel-Blogger http://meedia.de/nc/details-topstory/article/sz-stolpert-ber-eingekaufte-jubel-blogger_100025694.html?tx_ttnews%5BbackPid%5D=23&cHash=e8a69c0e4b
Google Suche nach Süddeutsche Zeitung iPhone app ist voll Brouhaha
Von 159 ca. 10 aktuelle Bewertungen die sich auf Trigami beziehen, dennoch positiv 4 Sterne
100 Tweets seit 18.1. zu Süddeutsche und iPhone
Quellen
Der ganze Verlauf des Brouhaha auf dem blog von Trigami
http://www.trigami.com/blog/2010/01/18/stellungnahme-zur-suddeutsche-zeitung-kampagne/
Interview von Trigami bei Fudder http://fudder.de/artikel/2010/01/20/die-sueddeutsche-und-ihre-iphone-app-darf-eine-zeitung-blogartikel-einkaufen/

Brouhaha

Januar 2010 in München: Die Marketing-Abteilung der Süddeutschen Zeitung wagt sich zur Bewerbung der neuen iPhone-App auf das dünne Eis Social-Media. Sie lässt Blogger durch die schweizer Spezial-Agentur Trigami für positive Blogbeiträge zum iPhone-App bezahlen. Einige Blogger erliegen dem Reiz des schnöden Mammon und schreiben wohlwollende und lobende Beiträge . Ein Blogger stellt das Anliegen der SZ aber öffentlich an den Pranger, und unter einer kollektiven Entrüstung bricht die Süddeutsche Zeitung mit Wucht durchs Social-Media-Eis.

Auslöser und Momentum

18. Jan 2010: Blogbeitrag von Jan Tißler in Upload-Magazin für digitales Publizieren

„Peinlich, peinlich: „Süddeutsche Zeitung“ kauft sich lobende Blogposts“

  • Upload-Beitrag: über 50 Trackbacks, inzwischen 133 Kommentare (Stand 21.01.10)
  • Artikel im Stern „Lob auf Bestellung“
  • Artikel auf Meedia: Jubel-Blogger-Aktion ein „Missverständnis“
  • Artikel in Meedia: SZ stolpert über eingekaufte Jubel-Blogger
  • Google Suche nach „Süddeutsche Zeitung iPhone app“ ist voll Brouhaha-Ergebnissen
  • Von 159 Bewertungen der App im itunes-Store ca. 10 aktuelle Bewertungen die sich auf Trigami beziehen, dennoch positiv 4 Sterne
  • Mehr als 100 Tweets seit 18.1. zu „Süddeutsche und iPhone“

Reaktion

Artikel am 19.01.10 um 17.50 Uhr auf Süddeutsche.de „Missgkücktes Marketing – Viral, letal“

Artikel „Falsches Lob“ in der Printausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 20.01. im Bereich „Medien“ von Marc Felix Serrao

Remo Uherek, Geschäftsführer von Trigami, gibt zu, seine Firma habe „großen Mist gebaut“, die interne Qualitätskontrolle habe versagt

Weitere Quellen

Der ganze Verlauf des Brouhaha auf dem Blog von Trigami

Interview von Trigami bei Fudder

Mitschnitt: Social Media – Where Is The Beef 2010?

Am 14.01.10 war Brouhaha zu Gast bei einer Kooperationsveranstaltung der Junioren des Marketing-Club München und der Münchner Dependance der Agentur achtung!

Die Veranstaltung wurde live über www.1000mikes.com übertragen und erreichte zusätzlich zu den 60 Teilnehmern vor Ort weitere 300 Zuhörer über das Internet.

Hinweis: Wir haben die Episode aus dem Archiv von 1000mikes zusammengeschnitten, weshalb die Qualität leider etwas geringer ist als üblich. Zudem war Alex Mikro kaputt :-/

Weitere Links:

Archiv der Live Übertragung http://www.1000mikes.de/show/brouhaha

Brouhaha-Blog mit weiteren Brouhahas http://www.brouhaha.de

Alle in dem Vortrag verwendeten Links finden sich auf der Bookmark-Sharing-Plattform delicious

Für die kompletten Unterlagen des Vortrags gerne eine kurze Mail an feedback@brouhaha.de

Brouhaha 15 – Jack Wolfskin, oder wenn die Abmahn-Tatze zuschlägt

Der Brouhaha

Oktober 2009 in Deutschland: Wie ein Blitz fährt eine Abmahnwelle in die kuschelige Katzenstube. Denn der Wolf war geweckt: Jack Wolfskin, der Spezialist für Outdoor-Bekleidung erwirkt unter Androhung rechtlicher Schritte bei der Jedermanns-Bastel-Social-Commerce-Plattform dawanda.de die Löschung von 43 Artikeln. Jack Wolfskin sah bei den von den Nutzern gestalteten Produkten den Markenschutz ihres „Tatzen-Logos“ verletzt. Darüber hinaus wurden weiteren 10 Freizeit-Bastlern Abmahnungen und Unterlassungserklärungen mit einer Kostennote von jeweils knapp 1.000 Euro zugeschickt. Auch diese hatten auf dawanda eigens entworfene Produkte mit Pfoten und Tatzen verkauft.

Das einsetzende, einhellige Katzengejammere wurde jedoch so laut, dass der Wolf seine Krallen zumindest teilweise wieder einfahren musste.

Shownotes

<folgen>